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  Karlheinz Deschner , Arthur Schopenhauer und die Tierethik

- eine Betrachtung von Herbert Becker

Außer Nietzsche hat mich kein Denker so geprägt, nein, aufgewühlt wie Schopenhauer.

Mit diesem Bekenntnis zu Arthur Schopenhauer äußerte sich Karlheinz Deschner (1),  der   “als der ´größte Kirchenkritiker des 20. Jahrhunderts` angesehen und angefeindet wird”(2), in einem Interview, das im Internet veröffentlicht wurde. (3)

Deschner hat in seinen Werken eine Vielzahl der Kirche unangenehmer und daher oft verschwiegener Tatsachen zusammengetragen und dabei - was mir noch wichtiger erscheint -  seine Kritik nicht nur auf die Institution, die Kirche, beschränkt, sondern auch deren geistiges Fundament, die Religion, hinterfragt. Er unterscheidet sich dadurch von manchen anderen Kritikern, die meinen, die Kirche sei schlecht, deren Religion aber gut. Es ist verständlich, dass Gläubige ihre Religion verteidigen, aber dennoch gilt auch für Religionen das Bibelwort “An den Früchten sollt ihr sie erkennen ”.  Die Kirche ist eine dieser Früchte! Daher lassen sich trotz aller notwendigen Differenzierung Religion und Kirche bei ihrer Beurteilung nicht ganz voneinander trennen. 

Es ist zwangsläufig, dass Deschner mit seiner fundamentalen Kirchen- und Religionskritik nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf heftige Ablehnung stößt. Ein Freund von mir, er ist Christ, bezeichnete Deschner als “Abbruchunternehmer”. Dieser Vergleich mag zutreffen, denn Deschner untergräbt mit seiner Kritik die Grundlage, auf der die Kirche steht. Das gilt zwar auch für Schopenhauer, doch gibt es hierbei einen wesentlichen Unterschied:

Deschner ist, wie er selbst bekannte und ausführlich begründete, Agnostiker. (4)    Der  Agnostizismus lehnt, zumeist ausgehend von Kant, jede Metaphysik ab, da die letzten Gründe des Seins, das Absolute, unerkennbar sei. Schopenhauer geht zwar auch von Kant   aus, aber dennoch enthält seine Philosophie eine tiefe metaphysische Lehre. Hierdurch sind Tierrechte  und Tierethik, wie überhaupt Ethik, in Schopenhauers Philosophie letztlich metaphysisch fundiert. So beschränkte sich Schopenhauer nicht auf Kirchen- und Religionskritik,  sondern er schuf - im Gegensatz zu Deschner - eine Philosophie, die das “metaphysische Bedürfnis” der Menschen zu befriedigen und daher auch Trost und Hoffnung zu bieten vermag.

Schopenhauers Metaphysik endet in der überaus tiefen Erkenntnis des Tat-Tvam-Asi der Upanishaden, jenes altindischen Weisheitsbuches, von dem  Schopenhauer schrieb:

Es ist die belohnendste und erhabenste Lektüre, die auf der Welt möglich ist: Sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein. (5)

Zu Recht stellt Deschner in diesem Zusammenhang fest:

Schopenhauer, erschüttert ... (vom furchtbaren Leiden der Menschen und  Tiere) wie kaum ein anderer, bezieht das tat twam asi (das bist du) - es gibt kein größeres Ethos - auch auf jedes Tier. Brahmo smi, ich bin dies alles.(6)

Es ist bemerkenswert, dass es für Deschner kein größeres Ethos gibt als das meta- physisch begründete altindische Tat Twan Asi. Ich habe deshalb Zweifel, ob Deschner die Metaphysik wirklich so konsequent ablehnt, wie er es sonst in seinen Schriften darstellt. Jedoch wie dem auch sei, es war, so betonte Deschner in dem bereits erwähnten Interview,  vor allem Schopenhauers Ethik, sein Mitleid mit den Tieren, das ihn "aufgewühlt" hatte. In diesem Zusammenhang hob Deschner hervor, dass Schopenhauer besonders das Christentum gegeißelt hätte, denn für diese Religion seien Tiere nur eine “Nullität”.

Aus dem erwähnten Interview wird auch deutlich, wie sehr Deschner bei seiner Kirchenkritik von Schopenhauer beeinflusst wurde:

Schopenhauer entdeckte mir die verheerende Rolle mancher Religionen auch in diesem Zusammenhang, besonders die des Christentums. Und eigentlich, meint man, müsste jeder gepackt werden von Schopenhauers Hohn, seiner Wut, seinem Schmerz, liest man seine Attacken gegen den “christlichen Pöbel”, der Tiere lachend verstümmelt, martert, tötet, während etwa der Buddhist bei jedem Glücksfall nicht etwa ein Tedeum plärre, sondern auf dem Markt Vögel kaufe, um sie vor dem Stadttor fliegen zu lassen.

Auch in seinen Werken bezieht sich Karlheinz Deschner oftmals auf Arthur Schopenhauer. So weist Deschner dort zum Beispiel darauf hin, dass laut Schopenhauer die christliche Tierverachtung eine Folge “jener Installation-Scene im Garten des Paradieses” sei, also diese bereits in der biblischen Schöpfungsgeschichte begründet ist.(7) Hierbei habe Schopenhauer nur “ eine einzige Bibelstelle gefunden,  die - schwächlich genug - für Schonung der Tiere plädiere.”(8)

Was Deschner selbst  angeht, so ist er eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich hatte vor vielen Jahren in der Berliner Volksbühne von ihm einen Vortrag gehört, der mir noch lebhaft in Erinnerung geblieben ist. Der Vortragssaal war überfüllt. Eingequetscht inmitten von Zuhörern wurde mir fast übel. Dennoch blieb ich bis zum Ende der Veranstaltung. Es hatte sich wirklich gelohnt! Nun konnte ich mir eine lebendigere Vorstellung von dem Autor machen, dessen Bücher bei mir nicht nur im Bücherregal stehen, sondern die ich mit tiefer Bewegung gelesen hatte. Zu jener Zeit beschäftigte ich mich mit der Geschichte des Vegetarismus und in diesem Zusammenhang mit der überaus grausamen Ausrottung der  Ketzerbewegungen, in denen die vegetarische Lebensweise von besonderer Bedeutung war. Deschners Bücher gaben mir dazu sehr aufschlussreiche kirchengeschichtliche Erklärungen.

Karlheinz Deschner hat nicht nur über die “ Kriminalgeschichte des Christentums “ - wie der Titel seines mehrbändigen Hauptwerks lautet - geschrieben. Ich denke hier zum Beispiel an ein kleines Taschenbuch mit dem Titel : “ Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen.”   Dort heißt es:

Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, läßt sich von ihm am wenigsten erhoffen. Auch befiehlt, auf der ersten Bibelseite, Gott selber seinen Ebenbildern, zu  herrschen über Fische im Meer und die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Felds. Um gleich abermals zu heischen:  “ ... und machet sie euch untertan und herrschet ...” Und dann noch einmal: “Furcht und Schrecken vor euch über alle Tiere ... in eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, sei eure Speise” - zwar ein “Kulturbefehl”  angeblich, ein  “Imperativ der Freude und Fröhlichkeit”, tatsächlich das umfassendste Unterjochungs- und Todesverdikt der Geschichte, infernalischer Auftakt der Deformierung eines Sterns zum Schlachthaus. (Und dieselbe Bibel gebietet: “Ihr großen Fische ..., ihr Tiere und alles Vieh, Gewürm und Vögel, lobet den Herrn!” Doch auch das Neue Testament lehrt nirgends: Seid gut zu den Tieren!)

Vorbildlich dagegen der Buddhismus, der in sein Tötungsverbot die nichtmenschliche Welt einschließt! Bereits Buddha verlangt Glück und Frieden für jede Kreatur, darum Unterlassen jeder “Verletzung” und “Tötung”, jeglicher “Gewalttätigkeit gegenüber allen Wesen”, die, ob Pflanze, Tier oder Mensch, “vor Gewalt zittern”. Demgemäß hebt der Buddhismus das Tier auf die Stufe des Menschlichen ... (9)

Auffallend ist in obigen Zitaten, wie positiv Deschner, und zwar  in voller Überein- stimmung mit Schopenhauer, die allumfassende Ethik des Buddhismus und damit dessen Tierethik hervorhebt. Zu Recht, denn kennzeichnend für die buddhistische Ethik, die gerade mit ihrer Tierethik in völligem Gegensatz zum Christentum steht, ist das Buddha-Wort:

Lebendiges umzubringen hat er verworfen, Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme, hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid. (10)
                                                                                                                                       H.B.

Anmerkungen:

(1)   S. dazu: Über Karlheinz Deschner. Leben, Werke, Resonanz.. Rowohlt, Reinbek 1994.

(2)  So auf dem Buchrücken von Karlheinz Deschner, Bissige Aphorismen. Rowohlt, Reinbek 1996.

(3)  >  http://www.deschner.info/de/person/interviews/vebu.pdf (Stand: 03.06.2017)

(4)  S. dazu “Warum ich Agnostiker bin”, geschrieben 1976, veröffentlicht in: Karlheinz Deschner,
      Oben ohne. Für einen götterlosen Himmel und eine priesterfreie Welt, 1. Aufl., Rowohlt,
       Reinbek 1997, S. 80.

(5)  Zu Arthur Schopenhauer und zum “Tat-Twam-Asi” der Upanishaden s. > dort

(6)  Karlheinz Deschner, Oben ohne ..., a.a.O., S.80.

(7)  Gerade die “Installations-Scene”, wie Schopenhauer die biblische Schöpfungsgeschichte bezeichnete,
       zeigt den fundamentalen Unterschied zu den Upanishaben, für die Mensch und Tier, ja die gesamte
       Natur - wie in der Philosophie Schopenhauers - eine metaphysische Einheit sind.

(8)  Ebd.,  Deschner zitiert hier aus: Arthur Schopenhauer , > Parerga und Paralipomena II,
       Kap. 15 Über Religion , § 178 Über das Christentum .      

(9)   Karlheinz Deschner, Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen.
        Asku-Presse, o. J., S.19.

(10)  Zit. n. Hellmuth Hecker, Die Ethik des Buddha, Hamburg 1976, S. 108.

Weiteres >  Tierethik - Tierrechte - Schopenhauer

                   >  Arthur - Schopenhauer - Studienkreis

                    >  Karlheinz Deschner : Aphorismen

                    >  Karlheinz Deschner : Die Tiere und das Christentum

S. auch Herbert Becker:
Zur Tier - und Mitleidsethik von Karlheinz Deschner und Arthur Schopenhauer.
In: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie .
Hrsg. v d. Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg. 18. Jg., 4/2011, S. 226
(online > Herbert Becker : Karlheinz Deschner ).

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